Die meisten Betriebe haben kein Software-, sondern ein Verbindungsproblem: Jedes Programm funktioniert für sich, zusammen ergeben sie Inseln. Darüber haben wir beim conmeet://next Zukunfts-Kongress auf Schloss Raesfeld gesprochen. Hier zum Nachlesen: warum das so ist, was der Standard MCP daran ändert und warum die wichtigste KI-Entscheidung schon vor der KI fällt.
Ein Auftrag, viele Stationen
Nehmen wir einen Ablauf, den fast jeder Betrieb kennt, ob Handwerk, Bau oder Produktion: den Weg eines Auftrags vom Angebot bis zur bezahlten Rechnung. Prüft beim Lesen ruhig, wie viele Stationen bei euch ähnlich aussehen.
- Angebot – kalkuliert im Kalkulationsprogramm
- Stunden – in einer App oder auf einem Zettel, der manchmal im Büro ankommt
- Baustellenfotos – per WhatsApp
- Nachtrag – per E-Mail, irgendwo
- Rechnung – in einem weiteren Programm
- Buchhaltung – im System des Steuerberaters
Keines dieser Werkzeuge ist schlecht. Jedes wurde aus gutem Grund angeschafft, weil es ein Problem löst. Zusammen ergeben sie aber kein Ganzes, sondern Inseln. Und zwischen diesen Inseln pendelt jemand hin und her und tippt Zahlen von einem Bildschirm in den anderen.
Die Stelle, an der Daten von einem System ins andere wandern, heißt in der IT Schnittstelle. Viele Betriebe haben solche Anbindungen längst im Haus: den DATEV-Export, GAEB-Dateien für Leistungsverzeichnisse, die eine oder andere API. Die wichtigste Schnittstelle ist aber oft eine andere.
Die teuerste Schnittstelle im deutschen Mittelstand ist ein Mensch zwischen zwei Bildschirmen.
Warum Systeme nicht miteinander reden
Diese Handarbeit kostet Zeit, jeden Tag, und sie ist fehleranfällig – nicht nur KI macht Fehler, Menschen auch. Dass es trotzdem so viele Insellandschaften gibt, hat zwei Gründe.
Der erste ist harmlos: Software wächst mit dem Betrieb, Stück für Stück, und jedes neue Programm löst das Problem, das gerade drängt. Der zweite ist es weniger: Für manche Anbieter lohnt sich die Abschottung. Ein System, das keine Daten herausgibt, hält seine Kunden fest. Wechseln geht nicht, ohne die Historie zu verlieren, und jede Anbindung kostet extra. In der Branche heißt das goldener Käfig – von innen bequem, bis man raus will.
Dabei ist eine Schnittstelle im Grunde nichts anderes als ein Stecker: eine im besten Fall genormte Stelle, an der zwei Dinge zusammenkommen. Geschlossene Systeme sagen: Bei uns bleibt alles drin. Offene Systeme sagen: Die Daten gehören dem Kunden, und hier ist der Stecker, über den er rankommt.
Brücken bauen oder Land aufschütten
Um Inseln zu verbinden, gibt es zwei Wege.
Brücken bauen heißt: die bestehenden Programme über Schnittstellen verbinden. Das ist oft der erste Schritt und besser als nichts. Aber wer zehn Inseln mit Brücken verbindet, hat am Ende viele Brücken, die gewartet werden wollen. Jedes Update kann eine davon beschädigen – und zuständig fühlt sich im Zweifel keiner der Anbieter.
Land aufschütten heißt: die Kernprozesse auf eine gemeinsame Datenbasis stellen. Meist ist das ein ERP-System (Enterprise Resource Planning), in dem Angebot, Projekt, Material und Rechnung mit denselben Daten arbeiten. Dann gibt es dazwischen schlicht nichts mehr zu übertragen. Für das Innere eines Betriebs ist das die einfachste Lösung.
Nur funktioniert Land aufschütten eben nach innen. Zoomt man heraus, ist der Betrieb selbst wieder eine Insel, umgeben von Steuerberater, Bank, Großhändlern und Subunternehmern. Die Bank richtet ihre IT nicht nach eurer Software aus, das Finanzamt auch nicht. Nach außen bleibt es bei Brücken – sie sollten nur genormt sein.
Dieses Brückenbauen ist unser Handwerk, seit es validdata gibt. Unser erster Auftrag 2001 war Maschinendatenerfassung, also eine Schnittstelle zwischen Produktion und Büro. Die Schnittstellen, die wir seitdem selbst entwickelt haben, bündeln wir heute in unserer Plattform vd:suite. Das ersetzt keinen guten Kern, ist aber das Werkzeug für die Ränder.
MCP: der USB-C-Stecker für KI
An genau diesen Rändern hat sich zuletzt etwas getan, das die Spielregeln verändert. Wer noch eine Schublade voller alter Ladekabel hat, kennt das Problem: Für jedes Gerät gab es einen eigenen Stecker. Heute lädt ein USB-C-Kabel Handy, Tablet, Laptop und die Toniebox der Kinder. Bis sich alle auf diesen Standard geeinigt hatten, hat es rund 20 Jahre gedauert.
In der KI-Welt ging es schneller. Ende 2024 hat Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Assistenten Claude, das Model Context Protocol veröffentlicht, kurz MCP. Nicht als Produkt zum Kaufen, sondern als offenen Standard. Inzwischen haben ihn auch OpenAI, Google und Microsoft übernommen, und er liegt bei einer neutralen Stiftung, damit ihn kein einzelnes Unternehmen kontrolliert.
MCP ist der Normstecker zwischen KI und dem Rest der Software-Welt. Ein System beschreibt darüber standardisiert, welche Funktionen und Daten es anbietet, und eine KI kann diese Funktionen gezielt aufrufen, statt zu raten. Im Prinzip leistet MCP für KI und Fachsoftware, was HTTP für das Web leistet: eine gemeinsame Sprache.
Vorher galt: Wer eine KI mit Auftragsverwaltung, Kalender oder Lager verbinden wollte, musste für jede Verbindung ein eigenes Kabel bauen. Teuer, aufwendig, und beim nächsten Programm ging alles von vorne los. Deshalb ist KI in den meisten Betrieben bis heute vor allem eins: ein Chatfenster.
Vom Praktikanten zum Kollegen mit Schlüssel
Bisher war KI wie ein belesener Praktikant, der im Flur steht: Man kann ihn alles fragen, und er antwortet klug – anfassen darf er aber nichts. Kein Zugriff auf Aufträge, Kalender, Lager oder Telefonie. Dazu hat er zu allem eine Meinung, auch dann, wenn er sich irrt.
Mit MCP bekommt dieser Praktikant einen Schlüssel. Klingt erst mal riskant. Entscheidend ist, wie der Schlüssel funktioniert: Er öffnet bestimmte Räume, und für jeden Raum lässt sich festlegen, was die KI dort darf – nachschauen, eintragen, anlegen oder einen Vorgang komplett erledigen.
Zum Beispiel:
- Lesen ja, ändern nein.
- Vorschlagen ja, bestellen nein.
- Alles dokumentiert, nichts läuft im Verborgenen.
Wer das sauber aufsetzt, behält die Kontrolle, auch über digitale Kollegen. Ein Restrisiko bleibt, wie immer, wenn man jemandem einen Schlüssel anvertraut. Der Nutzen ist aber so deutlich, dass die Rechnung für die meisten Betriebe schnell aufgeht.
Zwei Beispiele aus dem Betriebsalltag
Der Anruf zur Unzeit
Das Telefon klingelt, alle sind draußen. Am anderen Ende: ein Interessent. Der spricht nicht auf die Mailbox, sondern ruft den nächsten Anbieter an, den ihm Google oder ChatGPT vorschlägt. In einer offenen Systemwelt nimmt eine KI den Anruf an, fragt nach, wenn etwas Wichtiges fehlt, und legt den Vorgang direkt im System an: Name, Anliegen, Rückrufwunsch. Aus einem verpassten Anruf wird ein angelegter Vorgang. Wie gut das heute schon klappt, haben wir in einem eigenen Experiment mit Telefonagenten ausprobiert.
Der Feierabend-Berg
Angebote schreiben heißt oft: Kunde anlegen, Positionen kalkulieren, Wiedervorlage setzen – in mehreren Programmen, abends, nach der Baustelle. Sind die Systeme offen, wird daraus ein Satz: »Leg den Kunden an, erstell das Angebot nach dem Aufmaß von gestern und erinnere mich Freitag ans Nachfassen.« Die KI bereitet alles über die Schnittstellen vor, ihr prüft und gebt frei. Die Entscheidungen bleiben beim Menschen, das Tippen nicht.
Beide Beispiele haben eins gemeinsam: Mit Insel-Software funktionieren sie nicht. Sind Telefonie, Aufträge, Lager und Kalender verschlossen, kann die klügste KI nichts ausrichten und bleibt der Praktikant im Flur.
Erst die Systemlandschaft, dann die KI. Wer KI auf einen Flickenteppich setzt, hat danach einen Flickenteppich mit Chatfenstern.
Ein starkes System im Kern
Genau diese Reihenfolge wird oft falsch herum angegangen. Unser Ansatz ist seit 25 Jahren derselbe: ein starkes System im Kern, oft das ERP, und drumherum angebunden, was der Betrieb braucht – Dokumentenmanagement, Microsoft 365, Telefonie. Erst wenn das trägt, lohnt sich der nächste Schritt zu KI und Automatisierung.
ERP für Handwerk und Bau: warum wir auf conmeet setzen
Für viele unserer Kunden sind diese Systeme genau richtig. Wenn uns Betriebe aus Handwerk und Bau aber gefragt haben, womit sie ihr Tagesgeschäft steuern sollen, mussten wir lange auf Werkzeuge verweisen, die für ihre Branche nicht so passgenau waren, wie sie sein sollten.
conmeet hat uns überzeugt, weil es beides ernst nimmt: eine gemeinsame Datenbasis im Kern, in der Projekte, Material, Finanzen und Kommunikation ohne Übergaben zusammenlaufen, und Offenheit an den Rändern, mit Schnittstellen etwa zu Banking und Großhändlern. Gebaut für genau eine Branche statt generisch für alle. Und die KI ist dort nicht nachträglich angeschraubt wie ein Anbau ans fertige Haus, sondern von Anfang an mitgedacht.
Für Handwerk und Bau ist das aus unserer Sicht der stärkste Ansatz, den wir kennen. Deshalb sind wir conmeet-Partner geworden.
Drei Fragen an jeden Software-Anbieter
Ob ihr gerade eine neue Software auswählt oder mit eurem bestehenden Anbieter sprecht: Diese drei Fragen passen auf einen Bierdeckel.
Offene Schnittstellen?
Hat euer System offene Schnittstellen – und was kostet ihre Nutzung?
Vorsicht bei Aufpreisen
Weicht die Antwort aus oder kostet jede Steckdose extra, ist Vorsicht angebracht.
Eigene Daten?
Bekomme ich meine Daten jederzeit vollständig heraus?
Aufträge, Kunden, Historie
Das ist euer Eigentum. Wer das nicht klar bejaht, plant den goldenen Käfig.
Offene Standards?
Setzt ihr auf offene Standards wie MCP – oder auf eine Eigenlösung?
Die Frage allein verändert das Gespräch
Die Technik dahinter müsst ihr nicht verstehen. Wer so fragt, zeigt dem Anbieter aber: Hier weiß jemand Bescheid.
Diese Fragen kosten nichts. Aber sie entscheiden mit darüber, ob ein Betrieb in fünf Jahren zu denen gehört, für die KI arbeitet – oder zu denen, in denen immer noch jemand Zahlen von Bildschirm eins auf Bildschirm zwei überträgt.
Fazit: Das Teuerste sind die Lücken
Das Teuerste an Software ist nicht die Lizenz. Es sind die Lücken dazwischen. So widersprüchlich es klingt: Offene Systeme schließen diese Lücken. Eine Datenbasis im Kern, genormte Anschlüsse nach außen – und mit MCP ein Standard, der aus KI einen Agenten macht statt eines Chatfensters.
Die wichtigste Entscheidung fällt dabei nicht beim Thema KI, sondern davor: bei der Frage, ob eure Systeme offen sind.
Unser allererster Auftrag war eine Schnittstelle – damals mussten wir sie noch selbst erfinden. Heute gibt es Standards. Man muss sich nur für sie entscheiden.
Häufige Fragen zu MCP und offenen Systemen
Was ist MCP (Model Context Protocol)?
MCP ist ein offener Standard, über den KI-Anwendungen mit anderer Software zusammenarbeiten. Ein System beschreibt über MCP, welche Daten und Funktionen es anbietet, und eine KI kann diese gezielt nutzen – etwa Termine eintragen, Aufträge anlegen oder Lagerbestände abfragen. Anthropic hat MCP Ende 2024 veröffentlicht, inzwischen unterstützen ihn auch OpenAI, Google und Microsoft.
Was ist eine offene Schnittstelle?
Eine offene Schnittstelle ist ein dokumentierter Zugang, über den andere Programme Daten mit einem System austauschen können – ohne Handarbeit dazwischen und ohne dass der Anbieter jede Verbindung einzeln freischalten und berechnen muss. Typische Beispiele sind APIs, der DATEV-Export oder GAEB-Dateien im Bau.
Braucht ein Handwerksbetrieb ein ERP, um KI sinnvoll zu nutzen?
Nicht zwingend, aber es hilft enorm. KI kann nur mit den Daten arbeiten, an die sie herankommt. Liegen Angebote, Projekte, Material und Rechnungen in einer gemeinsamen Datenbasis wie einem ERP, hat die KI einen zentralen Zugang statt vieler einzelner. Deshalb gilt: erst die Systemlandschaft, dann die KI.
Wie riskant ist es, einer KI Zugriff auf Firmensoftware zu geben?
Das hängt davon ab, wie der Zugriff eingerichtet ist. Über MCP lässt sich genau festlegen, was eine KI darf – etwa lesen, aber nicht ändern, oder vorschlagen, aber nicht bestellen. Alle Aktionen lassen sich protokollieren. Ein Restrisiko bleibt, deshalb gehört die Einrichtung in erfahrene Hände.
Was ist conmeet?
conmeet ist eine Branchensoftware für Handwerk und Bau, die Projekte, Material, Finanzen und Kommunikation auf einer gemeinsamen Datenbasis bündelt und KI von Anfang an einbezieht. validdata ist conmeet-Partner und begleitet Betriebe am Niederrhein und im Münsterland bei Auswahl, Einführung und Anbindung.
Wie offen sind
eure Systeme?
Wir schauen es uns mit euch an.
Wir gehen eure Abläufe durch, vom Angebot bis zur Rechnung, und zeigen, wo Daten noch von Hand wandern und was sich verbinden lässt.
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